Akupunktur - ist es egal wohin man sticht?

Vor einigen Jahren haben verschiedene gesetzliche Krankenkassen Modellprojekte durchgeführt, um im Rahmen der daraus abgeleiteten Studien die Wirksamkeit von Akupunktur zu untersuchen. Verglichen wurde jeweils für bestimmte klinische Indikationen (z.B. Rückenschmerzen, Knieschmerzen, Kopfschmerzen) die Wirkung der Akupunktur in einer Therapie- Gruppe, einer Placebo- Gruppe und einer Wartelisten- Gruppe.

Placebo oder nicht?

Zur Erläuterung

In den Therapie- bzw. Verum- Gruppen (von lat. „wahr“, also „wahre Therapie“) wurden die Testpatienten mit einer zum Teil standardisierten Therapie behandelt. Es waren z.B. für die Indikation „Knieschmerzen“ bestimmte Akupunkturpunkte vorgeschrieben. Diese hatte der Therapeut unabhängig von den individuellen Beschwerden des Patienten zu nadeln, ohne die Kriterien zu berücksichtigen, nach denen in der Chinesischen Medizin die Therapie individuell auf jeden einzelnen Patienten zugeschnitten wird.
In den Placebo- Gruppen wurden die Patienten mit einer so genannten „Minimalakupunktur“ behandelt, das heißt, es wurden Nadeln an Orten gesetzt, die keine Akupunkturpunkte sind.
Die Patienten in den Wartelisten- Gruppen erhielten keinerlei Akupunktur-Behandlung sondern die übliche konventionelle Therapie wie Schmerzmittel bzw. Physiotherapie.

Im Ergebnis war Akupunktur in allen Studien gegenüber der konventionellen Therapie (Schmerzmittel, Physiotherapie) so deutlich überlegen, dass Akupunktur nunmehr für die Indikationen Rückenschmerzen und Knieschmerzen unter bestimmten Bedingungen von den gesetzlichen Krankenkassen als sog. „Kassenleistung“ angeboten wird.

Eine weitere Folge der Veröffentlichung der Studienergebnisse ist die anhaltende Diskussion, ob es überhaupt von Bedeutung ist, an bestimmten ausgewählten Orten (den Akupunkturpunkten) Nadeln zu setzen, oder ob es - wie es teilweise in den Medien polemisch behauptet wurde - „völlig egal ist, wohin man sticht“. Die Ursprünge dieser Streitgespräche liegen in den zum Teil geringen Unterschieden der Behandlungsergebnisse für die Therapie- Gruppen und die Placebo- Gruppen.

Kritische Betrachtung der Krankenkassen-Studien und ihrer Ergebnisse

  • Der für die Teilnahme an den Studien erforderliche Ausbildungsstand der Akupunkturärzte (140 Stunden Akupunkturausbildung) ist nicht mehr als eine minimale Grundausbildung. Zum Vergleich: Die SMS hat einen Ausbildungsplan erstellt, bei dem zur Erlangung eines Zertifikats „Chinesische Medizin“ 1000 Ausbildungsstunden notwendig sind.
  • Die Standardisierung (vorgeschriebene Akupunkturpunkte) der Behandlung in den Therapie- Gruppen führte in den Studien dazu, dass auf die individuelle Symptomatik nicht oder kaum eingegangen werden konnte, also nach Ansicht vieler Experten zu einer nicht optimalen Behandlung.
  • Der Unterschied zwischen den Behandlungsergebnissen der Therapie- und Placebo- Gruppen war am größten bei der „einfachsten“ klinischen Indikation – dem Knieschmerz – war etwas geringer bei der Indikation „Rückenschmerzen“ und am wenigstens deutlich beim kompliziertesten Krankheitsbild, der Migräne.

Diese Fakten bestätigen die Sichtweise der Chinesischen Medizin, dass „einfache Erkrankungen“ wie z.B. Knieschmerzen, bei denen die Ausprägung der Beschwerden bei verschiedenen erkrankten Personen zumeist ähnlich ist, eher mit einer standardisierten Akupunktur behandelt werden können als kompliziertere Erkrankungen (Beispiel aus den Studien: Migräne). Bei Letzteren können Haupt- und Nebensymptome bei verschiedenen Erkrankten sehr unterschiedlich sein, ebenso wie die persönliche Konstitution (Veranlagung).

Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg einer Akupunkturbehandlung wie etwa bei einer Migräne ist jedoch die Berücksichtigung sowohl der Konstitution als auch der individuellen Beschwerden im Rahmen einer Chinesischen Diagnose. Das kann sich dann in der Weise auswirken, dass verschiedene jeweils unter Migräne leidende Personen recht unterschiedliche Akupunkturkonzepte für einen optimalen Behandlungserfolg benötigen. Dies wiederum erfordert eine fundierte (wesentlich längere als eine nur 140 Stunden umfassende) Ausbildung in Akupunktur und Chinesischer Medizin. All diese Voraussetzungen waren in den Studien nicht gegeben, so dass erklärlich ist, dass die Akupunktur-Ergebnisse z.B. für Migräne nicht so gut waren wie erwartet und dass die „Placebo-Akupunktur“ im Vergleich zur „echten“ Akupunktur so überraschend gut abschnitt.

Letztlich sind die Ergebnisse durchaus im Sinne der die Studien planenden und ausrichtenden Krankenkassen ausgefallen, die von vornherein das Ziel verfolgten, Akupunktur kostengünstig für wenige Erkrankungen im allgemeinen Leistungskatalog anbieten und bewerben zu können. Dieses Ziel ist erreicht worden.

In anderen Studien konnte jedoch auch bei Indikationen wie z.B. Migräne eine Überlegenheit (,‚signifikante Unterschiede“) der „echten“ Akupunktur gegenüber einer „Placebo-Akupunktur nachgewiesen werden.

Zusammenfassung und Fazit

  • Die Krankenkassen-Studien haben zweifelsfrei die Wirksamkeit der Akupunktur erwiesen und darüber hinaus belegt, dass Akupunktur eine sichere und ausgesprochen nebenwirkungsarme Therapieform ist.
  • Da die Studienplanung der Krankenkassen- Studien die Minimal- bzw. Placebo-Akupunktur begünstigte, wird fälschlich der Eindruck einer scheinbaren Gleichwertigkeit der Scheinakupunktur gegenüber der „echten“ Behandlung erweckt. Hätten besser ausgebildete Akupunkturärzte an den Studien teilgenommen und die Möglichkeit gehabt, die Akupunktur nach einer genauen Chinesischen Diagnose individuell zu planen und durchzuführen, hätten die Studien vermutlich einen deutlichen Vorteil der „echten“ Akupunktur gegenüber der „Placebo- Akupunktur“ dokumentiert.
  • Die in letzter Zeit nicht nur in China, sondern auch im Westen durchgeführten Studien bestätigen die Wirksamkeit der Akupunktur nicht nur bei Schmerzleiden, sondern auch bei vielen weiteren Erkrankungen (siehe Indikationsliste).
  • Wer die exzellente Wirksamkeit der Akupunktur erfahren und für sich in Anspruch nehmen möchte, sollte sich um erfahrene Therapeuten mit einer nachgewiesenen hoch qualifizierten Akupunktur-Ausbildung bemühen (siehe Qualifikation).