Qi, Yin und Yang – was ist das eigentlich?

Qi, Yin und Yang – drei kurze Worte, um ein ganzes Universum zu beschreiben. Die Welt des chinesischen Denkens nämlich, die ganz wesentlich auf den vielfältigen Bedeutungen aufbaut, die sich – aus unserer westlichen Sicht – hinter diesen Begriffen verbergen, die aber einem Chinesen so selbstverständlich ist, dass eine Erklärung dieser Worte nicht erforderlich ist.

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Da wir im Westen in einer anderen Denktradition aufgewachsen sind, soll dieser Artikel Ihnen eine Einführung in diese uns Menschen im Westen fremde Gedankenwelt geben und einen Eindruck davon vermitteln, auf welchen Grundgedanken die Chinesische Medizin aufbaut.

Das Gegensatzpaar Yin und Yang bildet die Grundlage des chinesischen Denkens und wurde bereits Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung in Klassikern der chinesischen Literatur genannt. Ursprünglich bedeuten die Schriftzeichen die Schattenseite (Yin) und die von der Sonne beschienene Seite (Yang) eines Hügels.

Von diesem Ursprung lassen sich die wichtigsten charakteristischen Eigenschaften und Beziehungen von Yin und Yang ableiten: Die Sonnen- und die Schattenseite eines Hügels stellen einerseits Gegensätze dar, sind aber andererseits nichts anderes als zwei Seiten derselben Sache, in diesem Fall des Hügels. Und die Yin- und Yang-Seite ergänzen sich, denn wie auch wir im Westen gern sagen: „Wo Licht ist, da ist auch Schatten“, so muss der Hügel, wenn er eine Sonnenseite hat, auch eine Schattenseite haben, mithin auch eine Yin- und eine Yangseite.

Das wird im chinesischen Denken auf alle Dinge und Erscheinungen übertragen. So ist es auf der Sonnenseite (Yang) nicht nur wärmer und heller als auf der Schattenseite (Yin), sondern es werden dem Yang auch weitere Begriffe und Eigenschaften zugeordnet, die mit Wärme, Helligkeit und Aktivität verbunden werden, z.B. Tag, Sommer, Feuer, Sonne, Bewegung. Dem Yin wird jeweils ein Gegensatz zugeordnet: Nacht, Winter, Wasser, Mond, Ruhe.

Letztlich werden in dieses System alle beobachtbaren Erscheinungen eingeordnet, und so hat auch die geläufige Beschreibung des Yin als „weibliches Prinzip“ in gewissem Sinne seine Berechtigung, wird doch mit dem Weiblichen eher das Ernährende, Bewahrende assoziiert, während dem Männlichen Veränderung zugeordnet wird. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass wie allen Dingen und Erscheinungen auch weiblichen Wesen Yang-Anteile innewohnen und umgekehrt männlichen Wesen Yin-Anteile. Es hat jedoch das weibliche Wesen im Vergleich zum männlichen mehr Yin-Anteile und wird deshalb im Vergleich zum männlichen als Yin betrachtet.

Außerdem sind Yin und Yang der Wandlung unterworfen, was sich an den natürlichen zeitlichen Abläufen veranschaulichen lässt: Ebenso wie dem Tag eine Nacht folgt und danach wieder ein Tag, erleben wir den Wechsel der Jahreszeiten. Diese Abläufe und Zusammenhänge werden bildlich im traditionellen Yin-Yang-Symbol dargestellt (s. Abb.).

So werden Yin und Yang nicht nur zur Beschreibung von Naturerscheinungen benutzt, sondern auch in der Medizin. Dort wird – stark verkürzt und vereinfacht gesagt – Gesundheit als harmonisches Zusammenspiel von Yin und Yang aufgefasst und Krankheit als eine Störung des harmonischen Zusammenwirkens. Dabei wird – bezogen auf den Gesamtorganismus und auch einzelne Körperfunktionen – zur Diagnose der Bestand an Yin und Yang und der jeweilige energetische Austausch beurteilt.

Der Begriff „Qi“ wird bei uns oft mit „Energie“ oder „Lebenskraft“ übersetzt. Das ist in Bezug auf die Medizin nicht falsch, jedoch muss jede Übersetzung etwas unvollständig bleiben, denn Qi kann in der Natur und im Organismus als Antriebskraft für alle beobachtbaren Wirkungen betrachtet werden: für Bewegungen, die Verdauung, Wärmung, die Abwehrkraft und geistige Regungen. Wenn Qi ausreichend vorhanden ist und harmonisch unseren Organismus durchfließt, sind wir gesund und nehmen es meist nicht wahr. Ein Mangel an Qi jedoch geht mit Schwäche einher und ein blockierter Fluss mit Schmerzen, so dass sich eine Störung des Qi im Falle einer Krankheit oft leidvoll bemerkbar macht.

Durch unsere Lebensweise – z.B. gute Ernährung, regelmäßige Bewegung und Ruhezeiten – können wir unser Qi bewahren und pflegen. Durch Überarbeitung, Schlafmangel und ungesunde Ernährung jedoch wird es geschädigt, was zur Krankheit führt. Durch die Behandlung mit Akupunktur, Arzneitherapie, Ernährungstherapie und Qigong kann dann Qi wieder aufgebaut und harmonisiert werden.